Oh yeah? Oh yeah!

2009-VI-21

Novarock 2009

Mitte Juni, Hauptzeit der Festivals. Wochenende für Wochenende schlagen die Musikpilger ihre Zelte an einem anderen Ort auf. Auch das Novarock Festival nahe dem beschaulichen Ortes Nickelsdorf im platten Burgenland reiht sich in der Zielliste der Wallfahrer ein. Selbst mein Freund, der diese Plattheit sieben Wochen seiner Bundesheerzeit ertragen musste, strahlt voller Vorfreude, als wir am Mittwochnachmittag einkaufen gehen.

Donnerstag, 18.06.09

Gummistiefel, Batterien für den Radio, 3 Packungen Landjäger, Wein und 3 Paletten Bier. Brauchen wir noch etwas? Neee. Erst war der Plan, dieses Jahr erst am Donnerstagmorgen zu fahren. Doch geil wie wir auf das Event sind, entschließen wir uns kurzfristig doch dazu, mit dem Nachtzug zu reisen. Folge: nicht mal eine Stunde Schlaf. In Wien treffen wir auf die Spartiaten, von denen wir sofort rekurtiert werden als Spartiaten Nummer 3 und 4. Durch einen Riesenzufall begegnen wir auch genau den Schweizer, die wir das Jahr zuvor kennen gelernt haben. Also werden Handynummern getauscht, und ein paar Stunden später wird zusammen mit neuen deutschen Bekanntschaften und mit den Böhsen Onkelz in den Gehörgängen der Zeltplatz mit Pavillon errichtet. So steht einem anständigen Auftaktstag nichts im Wege. Schnell werden noch die Grenzen des Dreiländerecks – Österreich, Deutschland, Schweiz – errichtet und der Wegzoll eingeführt, der da lautet: Brüste zeigen. Dazu noch ein Lied gedichtet und mit einem deutschen und einem schweizer Trinkspruch verlängert, schon hatten wir den längsten und genialsten Trinkspruch, den sogar die Securities filmten. Wichtigste Sprüche, die ständig gebrüllt werden: Oh yeah? und alle im Chor Oh yeah! und Fuck!

Freitag, 19.06.09

Start des eigentlichen Festivals. Während bereits die ersten Bands ihre Show abliefern, sitzen wir im Dreiländereck und spielen das Koboldspiel. Am späten Nachmittag ist es dann soweit, und Black Stone Cherry eröffnen für uns das Novarock 2009. Mit „Rain Wizard“ und „Blind Man“ bringen sie sofort die Opener ihrer beiden Alben und sorgen für gute Stimmung. Der Gitarrist Ben Wells fegt über die Bühne und ist am headbangen, als ob er den derbsten Metal spielen würde. Musikalisch lässt die junge Band nichts zu wünschen übrig.

Darauf folgen Disturbed, deren stimmgewaltiger Frontman David Draiman dem Publikum richtig einheizt. Die Lücken zwischen den Zuschauern beginnen sich zu schließen, was die Stimmung noch mehr anheizt. Spätestens bei „Land of Confusion“ tobt die Menge. Kein Wunder, wer kann sich dem mitreißenden Charakter dieses Refrains schon entziehen.

Die dritte Band die wir sehen sind Mastodon. Alle Bands die wir an diesem Freitag erleben, spielen auf der Blue Stage. Brent Hinds shoutet von der Bühne was das Zeug hält. Trotzdem kommt das Set der Band aus Atlanta etwas eintötig rüber, wobei der Höhepunkt wohl der Hit „Blood and Thunder“ ist.

Doch dann, nach einer längeren Umbaupause, taucht aus der Dunkelheit ein Ungestüm auf, das über die Leute fegt wie ein Orkan. Das Intro ihres ersten Albums, und sofort wird losgeballert mit „(sic)“! Slipknot steht für Kompromisslosigkeit, Power und Brutalität. Diese wird nur allzu eindeutig bei Hämmern wie „Before I Forget“, „Psychosocial“, „People = Shit“ oder „Spit It Out“. Keiner hätte was dagegen einzuwenden, wenn sie länger spielen würden. Normalerweise.

Dieser Abend ist aber noch nicht vorbei. Und mit dem Regen betreten die absoluten Headliner die Bühne. Vor 3 Jahren spielten sie noch das gesamte legendäre „Master Of Puppets“-Album. Und heuer beehren sie die Bretter im Burgenland wieder, mit dem neuen „Death Magnetic“ im Gepäck, das viele Kontroversen ausgelöst hat. Metallica sind wieder da, und das Set gibt der Menge, was es braucht, um den strömenden Regen auszuhalten. Zwar verlassen einige das Feld, da mit dem Wasser auch die Kälte kommt, aber manche kommen auch zurück. „Fuel“ heizt zumindest die vordersten Zuseher wieder richtig auf, den hier durchbricht das Feuer den Regen. Ganze vier Tracks performen die Metalhelden vom neuen Album, und auch die Klassiker „One“, „Master Of Puppets“, „Nothing Else Matters“ und „Enter Sandman“ werden nicht ausgelassen. Vollendet wird das Konzert mit „Hit The Lights“ und „Seek And Destroy“ und James bedankt sich mit seiner charakteristischen Lache bei den übrigen Fans.

Samstag, 20.06.09

Der Regen hat kein bisschen nachgelassen, als wir uns aus dem Zelt quälen. Zudem bemerke ich, dass meine Jacke mittlerweile so alt ist, dass sie das Wasser nicht mal fünf Minuten abhält. Aber wir lassen uns nicht entmutigen, sitzen unterm Pavillon und hoffen auf schöneres Wetter. „Der Himmel weint, weil…“ ist das neue Spiel, das nun angesagt ist. Und tatsächlich wird es besser. Als ich Richtung Red Stage losmaschiere, muss ich feststellen, dass die Wege zu Schlammseen verkommen sind. Aber wen stört’s.

Monster Magnet erwarteten mich mit einer tollen Show, die mich perfekt auf den Tag einstimmt. Mit „Medicine“ und „Monolithic“ macht der Trupp um (den zuweilen etwas festeren) Dave Wyndorf klar, was Stoner Rock ist.

Als Nächstes geben Staind auf der Blue Stage Vollgas. Mit der eher harten Songwahl überzeugen sie auf ganzer Linie. Aaron Lewis holt alles aus seiner Stimme raus. „It’s Been Awhile“ und „Outside“ dürfen natürlich trotzdem nicht fehlen und runden den Auftritt auch schön ab.

Dann zackzackzack wieder zurück zur Red Stage. Chickenfoot, das neu zusammengewürfelte Projekt der Topmusiker Sammy Hagar, Joe Satriani, Michael Anthony und Chad Smith zeigt hier, was eine „Supergroup“ ist. Musikalisch unübertroffen, die Songs großartig. Die Ballade „Learning To Fall“ setzt im Publikum unübersehbar Glückgefühle frei, wie es nicht viele Lieder erreichen können. Als Abschluss spielen sie „Bad Motor Scooter“, den ersten Song, den Hagar nach eigenen Worten je geschrieben hat. Danach bleiben keine Fragen offen.

Vervollständigt wird der Konzertabend von den Mittelalterrockern In Extremo. Das neue Album „Sängerkrieg“ war nicht umsonst Album der Woche bei Rock Antenne. Die „7 Köche“ – Titel des Openers – überzeugen durch die übermittelte Freude, Freundlichkeit und Kreativität. „So viele liebe Menschen hier.“ „Danke ihr lieben Leute.“ Das sind mal Ansagen eines Rockmusikers. Mit Drehleier und Marktsackpfeife wird das Publikum in Erstaunen, und mit der Pyroshow in Entzücken versetzt. Auffallend angetan sind bei dieser Band auch die weiblichen Fans, die laut mitkreischen. Auch kein Wunder, denn von diesem Auftritt wird wirklich jeder mitgerissen.

Sonntag, 21.06.09

Schon wieder der letzte Festivaltag. Zum Ausrasten. Apropos Ausrasten die erste Band für die ich mich aufrapple ist Sevendust. Noch ist nicht zu viel los, so dass man gemütlich bis an den Bühnenrand spazieren kann. Doch mit dem ersten Ton ist es vorbei mit gemütlich. Ein Circle Pit reißt ein Loch in die Zuschauer und lässt es das ganze Konzert über offen. Die melodisch-harten Songs lassen keine längere Pause zu, und auch der Staub legt sich nicht mehr. Bei „Bitch“ geht’s noch einmal richtig wild zu, dann macht die Band Platz für Static X.

Die Mischung aus elektronischem Sound und hartem Metal lässt die Menge pogen. Blickfang ist die Dame mit sehr sehr kurzem pinken Top, die für die Bewässerung der Kehlen der Band und das Tanzen zuständig ist.

Dann folgt Thrash Metal, wie man ihn gern hat. Mit „Kirisute Gomen“ geben Trivium von Anfang an alles. Mit voller Wucht trifft der Sound auf das Publikum, das sofort begeistert ist. Auch diese Gruppe vermag es live zu überzeugen.

Nach einem Bühnenwechsel stehe ich vor den Guano Apes. Frontfrau Sandra Nasic weiß, was ihre Fans wollen und fühlt sich mehr als wohl auf der Bühne. Der Song „Lord Of The Boards“ rockt, und auch „Open Your Eyes“ zeigt seine Wirkung.

Und dann.. Limp Bizkit. Fred Durst in seinem gewohnten Outfit und auch Gitarrist Gitarrist Wes Borland, der zum dritten Mal bei der Band aktiv ist, hat sein Gesicht gewohnt speziell geschminkt. Nach dem Intro wird mit „My Generation“ sofort mal richtig gerockt, um anschließend mit „Living It Up“ eine Rap-Nummer zu bringen, ebenfalls vom Erfolgsalbum „The Chocolate Starfish and Hot-Dog flavoured Water“. So rapped und brüllt sich Durst schön abwechslungsreich durchs Programm und zeigt, wie Nu Metal sich anhören sollte.

Die Headliner auf der Red Stage dieses Jahr sind Machine Head, die „Bay Area Kings“ des Thrash Metal. Erfreut bemerkt Sänger Robb Flynn, dass es ihre erste Headlinershow seit langem ist. Deshalb werden besondere Songzuckerln ausgepackt. So performen sie „Beautiful Morning“, „None But My Own“ und das Maiden-Cover „Hallowed Be Thy Name“. Im Gegenteil zu den Headlinern des Vortages spart Flynn nicht mit Schimpfworten: “I want to see the biggest fucking circle pit in the world. From the left to the right to the back, make place! No, that’s bullshit! Don’t fuck with me! When I say I want to see the biggest fucking pit, I want to see the motherfucking biggest motherfucking circle pit!“ Den scheint er auch gesehen zu haben, denn er lacht zufrieden. Natürlich darf sein legendärer Standartspruch “Prost Motherfuckers, Prost” auch nicht fehlen. Nach der Ansage, dass der nächste Song für all jene ist, die jemand verloren haben, kommt ein traumhaft schönes „Descend The Shades Of Night“, bevor mit „Davidian“ nochmal gebührend gepogt, geheadbangt und gebrüllt werden darf.

Letzer Bühnenwechsel um noch den Schluss von den Toten Hosen zu sehen. Zuvor hatte die Band noch einen aus dem Publikum auf die Bühne geholt, der Campino anscheinend die Show gestohlen hat. Auf den Bierbänken und überall wird getanzt, als „Freunde“ gespielt wird, und auch als die Hosen zum zweiten Mal die Bühne verlassen und zum zweiten Mal zurückkehren, bleibt keiner ruhig stehen.

Nach dem Konzert stehe ich alleine irgendwo auf dem Gelände, als ich plötzlich einen bekannten Ruf höre: „Oh yeah?“ – „Oh yeeaaaahh!!“ antworte ich mit dem letzten bisschen Stimme das mir geblieben ist. Für die nächsten drei Tage wird sie noch heiser und piepsig bleiben. Vor dem Zu-Bett-gehen raucht jeder noch genüsslich eine Abschiedszigarre. Wir einigen uns darauf, uns nächstes Jahr wieder zu treffen, um im Dreiländereck wieder anständig zu feiern. Fuck!, das war Novarock 2009! Oh yeah? – Oh yeah.

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